Angedacht

Zur Jahreslosung

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34, 15)

Die Jahreslosung für das Jahr 2019 ist ein ungewöhnlich klares, eindeutiges Wort. Alles, was wir tun, soll dem Frieden dienen, eine Lösung herbeiführen, oft einen Kompromiss ermöglichen. Das ist eine Absage an Sturheit und Recht-haberei. Sicher nicht der Verzicht auf Streit in der Sache. Aber immer so, dass der andere sein Gesicht wahren kann und die Brücken zu ihm nicht abgebrochen werden. Wo das nicht gelingt, sollen wir uns fragen: ‚Was ist mein Anteil daran, dass die Sache so festgefahren ist!` Wer so fragt, findet immer etwas. Und kann daran arbeiten, mit dem einzigen Menschen, den wir tatsächlich verändern können, an uns selbst.

Dass das „Frieden“ ist, und wir den suchen sollen, ist für viele von uns theoretisch klar. Trotzdem erlebe ich an mir und an uns als Gemeinde immer wieder, wie schwer das ist, gut zu streiten. Immer wieder vermisse ich die Bereitschaft, meine Bedürfnisse und Gefühle mit Abstand zu betrachten. Da geht es nur ums eigene Gekränktsein. Aber vielleicht hat der andere Recht mit seiner Kritik! Wo diese gesunde Selbstdistanz fehlt, wird der andere dann gerne abgewertet. Seine eigene Sache klar und verständlich vorzutragen – damit alle auch Lust bekom-men, etwas zu ändern. Das ist doch erfrischend und gut! In der Kirche wird dagegen gerne der Weg gewählt, Konflikte unter den Teppich zu kehren. Das habe ich sogar in meiner Ausbildungsgruppe in der Seelsorgefortbildung erlebt, dass Konflikte in der Gruppe gedeckelt wurden. Dann dürfen Dinge nicht gesagt werden, die vor aller Augen sind. Dabei kann es keinen Frieden ohne den Streit darum geben! Wo keiner eine Position bezieht, kann auch keine Lösung ausge-handelt werden. Das gilt für die großen Strukturfragen wie für die täglichen Auf-gaben in den Gemeinden.

„Jage dem Frieden nach!“ Diese zweite Aufforderung der Jahreslosung hat etwas Junges, Ungestümes. Ich muss an Jugendliche denken, die ich auf meinem Berufsweg vor allem als Konfirmanden gut kennenlernte. Wie sie sich mit Leidenschaft in Konflikte stürzten. Oft musste ich Streithähne und Streithennen voneinander trennen. Und dann spürte ich immer auch die Suche nach einem großen „Wir“, einer Gemeinschaft, die trägt. Dafür haben gerade Jugendliche einen untrüglichen Sinn – in der eigenen Familie, im Freundeskreis. Herrscht hier Frieden? Verstehen wir uns? Und sie sprechen klar aus, was sie sehen. Sie lassen uns unsere Konfliktscheu nicht durchgehen. Das kann für uns Erwachsene sehr schmerzhaft sein.

Ich glaube, dass wir auch deshalb eine Kirche sein sollten, die Jugendliche an-spricht und einbezieht, weil uns deren Konfliktfreude hilft, selbst faule Kompro-misse aufzugeben und neue Wege zu gehen.

 

 

                                                                                                                                      Pastor Andreas Pöhlmann

Kirchengemeinde Arenshorst